Stunden später

Aus der Ferne drei Glockenschläge. dreiviertel drei. Noch eine Viertelstunde. Ich fange an in die Schuhe zu kommen.

Meine Frau nimmt mich im Auto mit. Wir haben verabredet, um 15:00 Uhr aufzubrechen.

Aus der Ferne vernehmbar vier Glockenschläge. die Stunde ist voll. Von der Schwelle der bereits geöffneten Haustür her kommend ein Ruf: „Brauchst du noch lange?“ [Kurze Pause] „Ich sitz‘ dann schon mal im Auto!“

Meinte ich in diesem Ruf etwa den Hauch einer Ungeduld zu spüren? Adrenalinpegel und Puls steigen. Meine Bewegungen geraten ins Stocken. Ich konzentriere mich darauf, das Gleichgewicht nicht zu verlieren und halte Ausschau nach dem nächsten sicheren Halt in Greifweite. „Moment noch!“ — Moment ist gut — ‚ein Moment‘ klingt so etwa nach der Zeitspanne eines Augenzwinkerns.

Bei Parkinson gelten andere Zeitmaßstäbe.

Während die Füße am Boden kleben, strebt der Kopf hartnäckig vorwärts. Mein Schwerpunkt rutscht bedenklich weit nach vorne, die Fersen heben sich und ich beginne über die Zehenspitzen nach vorne zu kippen. Bloß nicht! Jetzt immer mit der Ruhe. Zuallererst den Vorwärtsdrang stoppen. Stopp! Entspannung! Ich muss überhaupt nirgendwo hin, ich möchte nur schlicht stehen bleiben, mich zentrieren.

High Noon.

Gewicht gleichmäßig auf beide Füße verteilen, Ballen und Ferse gleichmäßig belasten, Knie „entriegelt“, also nicht durchgedrückt, sondern ganz leicht angebeugt, Schulterblätter in die hinteren Hosentaschen (Schulterblätter nach unten, nicht zueinander hin!), die Arme hängen locker und entspannt. Der Kopf thront aufrecht mit dem Schwerpunkt über der Wirbelsäule, der Nacken ist gestreckt und ich atme ruhig und tief durch.

John Wayne ist startklar.

Erst jetzt, da ich einigermaßen entspannt und zur Ruhe gekommen bin, konzentriere ich mich auf die Planung der nun einzuleitenden Bewegung. Welche Muskeln muss ich als nächstes angesteuern, um einen Schritt nach vorne zu machen und gleichzeitig nicht das Gleichgewicht zu verlieren?

1-Bein-Stand

Ich beginne, das Gewicht auf meinen linken Fuß zu verlagern, bis der andere, rechte Fuß den Bodenkontakt verliert und zu schwebn beginnt.. Ich komme in den Einbeinstand. Ich hebe das rechte Knie. Der unter dem angehobenen Oberschenkel baumelnde Unterschenkel schwingt vorwärts, als wolle der Fuß einen imaginären Ball treffen. So gelingt es mir in Bewegung zu kommen und in „gefühlt“ einer Minute unser vor dem Haus parkendes Auto zu erreichen. Meine Frau sitzt im Wagen hinter dem Lenkrad, und es schaut für mich so aus, als wolle sie gerade hineinbeißen… Aber das ist nur meine persönliche subjektive Interpretation. („Du sollst kein Urteil fällen!“)

„Stunden später!“ fährt es ihr aus dem Mund, während ich mich auf den Beifahrersitz setze… besser gesagt: herunter plumpsen lasse. „Das hat ja wieder mal ewig gedauert!“

Okay, Liebling, ich werde jetzt vollkommen ruhig und entspannt bleiben, und ich werde jetzt im Moment nichts weiter sagen.

Redigierte Fassung eines erstmals Ende 2024 unter dem Titel „Worte des Jahres“ publizierten Beitrags.

Bei dem obigen Beitrag handelt es sich um Fiktion. Ählichkeiten der geschilderten Situation und der darin vorkommenden Personen mit realen Vorgängen, Erfahrungen und Personen sind nicht beabsichtigt und rein zufälliger Natur

2026-01-19 Schairer